55 Jahre Bandsalat.

    Fotos: Benoit Jammes.
    Fotos: Benoit Jammes.

    Wahrscheinlich sind einige Stunden Jugendzeit draufgegangen für die Erstellung des perfekten Mixtapes. Eines, bei dem die Knöpfe für Record und Stopp extra sanft gedrückt wurden, damit anschließend kein ungewolltes Klacken zu hören war. Eines, bei dem der Einsatz des Moderators gut antizipiert werden musste, um weder seinen Atmer noch seine ersten Silben mitaufzunehmen. Jede Lebenslage hatte ihr eigenes Mixtape: das für die Party, das für die Fahrt zur Schule, das zum Einschlafen. Und natürlich das eine als Liebeserklärung an die Liebste oder den Liebsten.

    Am 28. August vor 55 Jahren präsentierte Philips auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin die erste Compact Cassette und den dazu passenden Kassettenrekorder (EL 3300). Mit diesem neuen Medienpaket revolutionierten die Niederländer die Musikwelt. Die Compact Cassette machte Aufnahmen günstiger und beerbte recht bald in der jungen Generation die Musiktruhen und Toplader der Eltern. Wenngleich sie lange der Klangqualität von Schallplatten hinterherliefen, der Walkman (von Sony) machte die Musik ab den 1980er Jahren erstmals portabel.

    Betrug die Spielzeit zu Beginn noch 30 Minuten, verlängerte sie sich danach auf eine ganze Stunde, später sogar auf 90 Minuten (also 45 Minuten pro Seite). Das Magnetband in Plastik schaffte somit ganze Hörspielwelten – TKKG, Fünf Freunde oder Die drei ???, um nur eine spontane Auswahl zu nennen – und den wertvollsten Platz für die persönliche Stimmung: das Mixtape. Unvergessen bis heute ist der gefürchtete Bandsalat, dem häufig nur mit kantigem Bleistift beizukommen war. Schlimmstenfalls war die Kassette danach nicht mehr abspielbar. Trotz dieser Tücken ist die Kassette auch 55 Jahre nach ihrer Markteinführung unkaputtbarer als ihr Ruf.

    Den Beweis liefert der Grafikdesigner und selbsternannte "Freizeit-Künstler" Benoit Jammes aus Frankreich. Eher zufällig entdeckte er kürzlich in einem Schuhkarton in seinem Keller mehrere Stapel alter Audiokassetten. Als Kind der 1980er Jahre bestens vertraut mit der Technik, aber heute nicht mehr in Besitz eines entsprechenden Abspielgerätes, hebt er seinen Fund aus dessen akustischem Wirkungskreis in den visuellen. Als gerahmte Kunstobjekte schenkt er den Tonträgern einfach ein neues Leben. Einige seiner handgemachten Kassettendesigns sehen Sie hier.

    Viele, die mit der Kassette groß wurden, stiegen früher oder später um auf die Compact Disc, danach auf das MP3-Format und irgendwann begannen sie sich den unendlichen Hörweiten der Streamingdienste hinzugeben. Fast schon romantisch mutet da die Erinnerung an, als der Platz auf dem Band begrenzt und die Songauswahl entsprechend präzise vorgenommen wurde. Der Wechsel zum nächsten Lied besaß noch etwas Handwerkliches: Bandlauf schnell vor oder schnell zurück, um den richtigen Moment abzupassen. Spulen statt Skippen. Irgendwie schön. Vielleicht begegnen auch Ihnen während der Feiertage Schätze von damals wieder.

    Fotos: Benoit Jammes

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