Mey & Edlich Kultur-Tipp.

Berliner Schlüssel (1912). Foto: Armin Herrmann.
Berliner Schlüssel (1912). Foto: Armin Herrmann.

Wozu gibt es einen Schlüssel mit zwei symmetrischen Bärten an beiden Enden anstatt des einen üblichen Schlüsselbarts? Dieser auf den ersten Blick etwas irritierende Schlüssel ist eines der Objekte in der aktuellen Ausstellung "Kabinett des Unbekannten" im Berliner Museum der Dinge. Nach einer Recherche unter Schlüsselmachern und alteingesessenen Berlinern ist das Rätsel gelöst: Es handelt sich um den "Berliner Schlüssel" – ein Durchsteckschlüssel, den 1912 der Berliner Schlossermeister Johann Schweiger erfand.

Nach dem Aufschließen des Schlosses wird der Schlüssel ganz durch das Schloss hindurchgeschoben und auf der anderen Seite der Tür herausgezogen, nachdem diese verriegelt wurde. Der Mechanismus macht es unmöglich, den Schlüssel herauszuziehen, wenn die Tür entriegelt ist. Der Berliner Schlüssel sollte einst den Hauswart, dessen Aufgabe es war, die Durchgangstür oder das Tor zum Hinterhof während der Nacht zu öffnen, ersetzen. Mit dem Aufkommen moderner Schließsysteme wurde diese Art Schloss und Schlüssel immer seltener. Gelegentlich kann man sie aber noch heute in Berliner Mietshäusern finden.

1. Sieb zur Bestimmung von Korngrößen (1910-1920). Foto: Armin Herrmann. 2. Würfelautomat "Rovo" (unbekannt). Foto: Armin Herrmann.

Das Museum der Dinge auf der Berliner Oranienstraße ist in Bezug auf Konzeption, klassifizierende Ordnungen und Wissensproduktion alles andere als ein konventionelles Ausstellungshaus. Kern der Institution ist das Archiv des Deutschen Werkbundes. In seiner Sammlungstätigkeit widmet sich das Haus der durch die industrielle Massen- und Warenproduktion geprägten Sachkultur des 20. und 21. Jahrhunderts – und nimmt sich nun dem noch undefinierten im eigenen Bestand an.

Im Vorfeld der Ausstellung ludt Gastkuratorin Ece Pazarbaşı die Bewohner der Oranienstraße ein, unbekanntes neu zu definieren und eine gemeinsame Wissensplattform zu generieren. Was theoretisch verklausuliert klingt, ist in Wahrheit ein spannendes – weil lange ergebnisoffenes – Verfahren in der Auseinandersetzung mit den eigenen Sammlungsbeständen, die bisher noch nicht aufbereitet wurden, und der Kontaktaufnahme mit den Nachbarn, die bisher anonymen blieben.

Straßenkarte eines Abschnitts der Oranienstraße mit Verknüpfungen zu den teilnehmenden Institutionen. Foto: Armin Hermann.
Straßenkarte eines Abschnitts der Oranienstraße mit Verknüpfungen zu den teilnehmenden Institutionen. Foto: Armin Hermann.

Zu Beginn hat jedes Mitglied des Museumsteams ein unbekanntes bzw. undefiniertes Sammlungsobjekt ausgewählt und ein unbekanntes Geschäft oder eine interessante Institution der Oranienstraße (zwischen Moritzplatz und Görlitzer Bahnhof) benannt. Die Betreiber und Vertreter der ausgewählten Läden und Institutionen wurden zum direkten Austausch eingeladen, der Kreis der beteiligten Akteure damit erweitert. Auch die neu Hinzugekommen durften sich ein unbekanntes Objekt aussuchen. Das Wissen über die Dinge wurde prozesshaft erforscht, teilweise in neue Beziehungen gesetzt und unter dem Titel "Kabinett des Unbekannten" kuratiert. Das Ergebnis ist nun in der Ausstellung im Museum der Dinge zu sehen. Daneben gibt es fünf Satelliten-Präsentationen in ausgewählten Geschäften, die die Arbeit mit dem Unbekannten in der Sammlung und die neuen Vernetzungen mit der Nachbarschaft sichtbar machen.


"Kabinett des Unbekannten", bis 25. September 2017

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstr. 25
10999 Berlin

Öffnungszeiten: Donnerstag bis Montag, 12 bis 19 Uhr.
Eintritt: 6,- Euro / ermäßigt 4,- Euro.

www.museumderdinge.de

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